Im letzten Jahr hat SAP das erste Mal ihre mobile Applikation für das Gesundheitswesen angekündigt und auch bereits Prototypen auf dem iPad präsentiert. Die SAP EMR (Electronic Medical Record), wie die App von der SAP genannt wird, ist auf Ärzte und Pflegepersonal ausgerichtet und erlaubt es jederzeit und von überall auf die Patientendaten über mobile Endgeräte zuzugreifen. Die EMR App bietet Zugriff auf alle relevanten Daten wie sie für die verschiedenen Tätigkeiten im Krankenhaus benötigt werden. Im Standard Lieferumfang enthalten sind Sichten auf Patientendaten, Vitalfunktionen, Laborwerte, Röntgenbilder, klinische Befunde und weitere Dokumente im Zusammenhang mit der Behandlung des Patienten.
An einem EMR Workshop für Partner in Walldorf letzte Woche hat die SAP die Applikation und den aktuellen Stand der Entwicklung näher vorgestellt – was Anlass dazu gibt dies hier kurz vorzustellen.
Fokussierung auf den Mensch und seine Bedürfnisse und Ansprüche
Die Bedienung der App ist intuitiv und zu 100% auf die Bedürfnisse der Benutzer ausgerichtet. Das ist insbesondere in Bezug auf die Tatsache, dass es sich um eine mobile Anwendung handelt, welche bestehende Daten und Funktionen von SAP Backend Systemen zur Verfügung stellt, keine Selbstverständlichkeit! Entgegen der klassischen Fokussierung auf Systeme und Prozesse, wo es im Wesentlichen darum geht, die bestehenden Funktionen und Daten einfach mobil bereitzustellen, wurde bei der Entwicklung der EMR konsequent auf die Bedürfnisse des Benutzers eingegangen. Die EMR App wurde von Personen designed, welche keine Kenntnisse der bestehenden Funktionen und Systeme hatten, sondern sich ausschliesslich zusammen mit Ärzten und Pflege Personen der Analyse der realen Prozessen und der Aufnahme der Bedürfnisse widmeten. Der zentrale Grundsatz bei der Entwicklung war der Leitsatz „User experience is everything“ und dieser wurde konsequent angewendet was sich im Resultat eindeutig zeigt.
Ausrichtung auf Offenheit und Erweiterbarkeit
Ein weiterer wesentlicher Aspekt der EMR App (und vielleicht auch eher untypisch für eine SAP basierte mobile Lösung) ist die Ausrichtung auf Offenheit und Erweiterbarkeit. Die App kommuniziert ausschliesslich mit einer Middleware, dem SAP EMR Mobile Server. An diesen können Backend Systeme über sog. Konnektoren angebunden werden, welche individuell in die bestehenden Systeme integriert werden. Damit wird die Möglichkeit gegeben, für die mobile EMR Anwendung beliebige Backend Systeme zu nutzen, sowohl SAP wie auch Non-SAP System.
Darüber hinaus wurde die Möglichkeit geschaffen, über sog. „Facetten“ eigene Informations- und Anwendungskomponenten zum Patienten in die App einzubinden. Dadurch können bestehende Applikationen von Drittanbietern einfach eingebunden oder neue Facetten für bestehende Lösungen implementiert werden. Die SAP versteht ihre EMR ganz klar als eine Art „Framework“ für die Implementierung von mobilen Lösungen für das Gesundheitswesen, welches mit vorgefertigten Applikationskomponenten ausgeliefert wird, aber individuell auf die Bedürfnisse und vorhandenen Systeme ausgerichtet werden kann.
Rasche Implementierungszeit, sofern der Standard genutzt wird
Im Zusammenspiel mit dem SAP eigenen KIS System (IS-H*MED) kann die Lösung fast zu 100% „out-of-the-box“ genutzt werden. Einzig für die Darstellung von Röntgenbildern benötigt es eine Integration in ein bestehendes PACS. Für letzteres gibt es vorgefertigte Schnittstellen, welche bei Kunden auch bereits im Einsatz sind. Bei der Charité Berlin, einem grossen Gesundheitsdienstleister in Deutschland bei welchem die EMR im Einsatz ist, erfolgte die initiale Einrichtung der EMR anscheinend innert 5 Tagen. Dies war möglich, da sich die Installation und das anschliessende Customizing sehr einfach gestalten. Es war auch ganz klar das Ziel der SAP, eine Lösung zu bringen, welche rasch und einfach zu implementieren ist und so einen leichten Einstieg in das Thema mobile Lösung ermöglicht. Auf der anderen Seite muss aber auch erwähnt werden, dass ohne ein vorhandenes SAP KIS System die gesamte Integration in Backend Systeme zusätzlich zur Implementation noch erfolgen muss – und dann ist eine Implementierung in so kurzer Zeit kaum mehr möglich.
Integrationsmöglichkeiten sind noch nicht vollständig gegeben
Aus technologischer Sicht kommuniziert die EMR App über oData (Open data Protocol) mit dem SAP EMR Mobile Server. Letzterer ist ein SAP NW Applikationsserver ABAP 7.02 der mit den Komponenten SAP Gateway Server 2.0 und dem EMR Add-on bestückt werden muss. Diese Middleware Schicht übernimmt die Kommunikation mit den Backend Systemen, wobei in der aktuell verfügbaren Ramp-up Version lediglich RFC Schnittstellen zur Verfügung stehen, was eine Einschränkung auf SAP basierte Backend Systeme bedeutet. Dass das nicht genügend ist versteht sich von selbst und auch bei SAP ist das von Beginn weg klar gewesen. Aus diesem Grund wird daran gearbeitet, neben den RFC’s auch SOAP Schnittstellen bereitzustellen, sodass beliebige Integrationen zu beliebigen Systemen möglich gemacht werden können. Diese sollen mit der Verfügbarkeit der EMR App für Endkunden im April 2012 fertiggestellt sein.
Potential für die Schweiz
Als Lösungsanbieter für das Gesundheitswesen in der Schweiz haben wir uns bereits letztes Jahr mit der Positionierung der SAP EMR auseinandergesetzt. Die Herausforderung die sich uns stellt ist die Tatsache, dass das SAP eigene KIS (IS-H*MED) in der Schweiz bei keinem Kunden im Einsatz ist. Es benötigt also in jedem Fall eine Integration in ein anderes Non-SAP KIS System. Und da die Heterogenität in diesem Bereich sehr hoch ist und die verschiedenen KIS Systeme meist keine offenen Schnittstellen anbieten, wird der Aufwand für die Implementierung einer EMR im Bereich der Integration liegen.
Trotz diesem Wermuttropfen bietet die EMR Lösung von SAP aber das Potential, um in einem spezifischen Bereich in ein kleines mobiles Projekt einzusteigen und einige dedizierte und wichtige Funktionen den Benutzern bereitzustellen. Vorab die Offenheit und Erweiterbarkeit, sowie auch die einfache und rasche Implementierung der Lösung auf bestehender SAP Infrastruktur begünstigen einen einfachen Einstieg. Im Anschluss kann die Lösung dann kontinuierlich ausgebaut und optimiert werden.
Wichtig ist auch, dass es sich bei der EMR um eine erste Version handelt, welche noch viel Entwicklungspotential hat. Die SAP hat sehr hohe Erwartung in ihre mobile Lösung und ist auch Willens diese kontinuierlich auszubauen und weiterzuentwickeln. Dazu sind auch Kunden und Nutzer herzlich eingeladen, ihre Ideen und Wünsche mit einzubringen. Im “Idea Place” von SAP, der Community Plattform von SAP auf welcher neue Ideen und Wünsche von jedermann formuliert werden können, hat die EMR bereits einen festen Platz eingenommen.
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